Blog Heimatliebe

Ein Omnibus lässt Oldtimer-Herzen höher schlagen

Man sagt Oldtimerfreunden große Akribie und Besessenheit nach, um Rostlauben wieder wie taufrisch präsentieren zu können. Im Fall von Harald Wessely ist das sicher nicht anders. Aber angesichts des tonnenschweren Stahlgerippes im Hintergrund bekommt man schnell eine Ahnung davon, dass es sich nicht um ein gewöhnliches Oldtimer-Projekt handelt.

Allein durch die Ausmaße vervielfacht sich hier vieles, denn fahr- und vorzeigbar gemacht wird nicht irgendein Auto, sondern ein kompletter Omnibus mit Sitzplätzen für 29 Personen, noch dazu mit echter Bamberger ÖPNV-Vergangenheit.

Der Magirus Deutz Saturn II, Baujahr 1963, war bis 1978 bei den Stadtwerken im Linienbetrieb und kam nach vielen Jahren auf verschlungenen Pfaden genau dorthin zurück, um bald kernsaniert und fahrtüchtig ein wuchtiges Stück Bamberger Stadtbus-Geschichte erlebbar zu machen.

Allein die Ausmaße des Motorblocks im Rückraum rufen ehrfürchtiges Staunen hervor. „Der luftgekühlte Motor mit 150 PS konnte dank des Sponsors BayWa AG komplett zerlegt und neu abgedichtet werden“, erklärt Wessely. Das Automatikgetriebe aus dem Hause Voith sitzt ebenfalls schon da, wo es hingehört. „Bei der Begutachtung durch den Hersteller und eine Getriebetechnik-Firma waren keine großen Schäden erkennbar“, erzählt Wessely weiter.

Die Karosserie auf zwei Achsen mit den beiden Auspuffrohren, die charakteristisch an den Säulen im Fond des Omnibusses nach oben streben, ist komplett wieder hergerichtet, entrostet, sandgestrahlt und mit Rostschutz-Grundierung lackiert – was kein leichtes Unterfangen war, da der Träger der Hinterachse durchgerostet war und deshalb von den Mechanikern Andi Popp und Sebastian Hofmann rekonstruiert werden musste. „Damit ist die Basis für die weitere Restaurierung geschaffen“, freut sich Wessely.

Akribie ist vonnöten, um die vielen Puzzleteile beizubringen und zum großen Ganzen zusammenzufügen. Wobei im Falle des Omnibusses aus dem Hause Magirus Deutz der Grundsatz gilt: Spielraum in der Ausgestaltung gibt es nicht, es wird alles wieder originalgetreu nachgebaut. So wird bei den Sitzen aus Durofol – gepresster Kunststoff in Holzoptik – verfahren. Diese werden von Wessely und seinem Team wie alle anderen Originalteile aufbereitet. Für die letzte Reihe, die mit Kunstlederstoff bezogen war, sorgte die Sattlerei Wicht aus Pettstadt, die den Stoff sogar noch vorrätig hatte. Kopfzerbrechen bereitete die aus Aluminium gefertigte Frontmaske des Omnibusses. Sie war stark zerbeult und verschoben. Schließlich half ein auf Aluminiumteile spezialisierter Experte, der für gewöhnlich Rennwagen und andere edle Karosserien repariert, mit seinem Wissen. Dem „Blechklopfer“ gelang es, dem Omnibus wieder sein „strahlendes Gesicht“ zu geben.

Sind noch Originalteile zu haben, werden diese eingebaut. Der Teilemarkt hat aber freilich Lücken. Wessely geht etwa davon aus, dass auch Fenstergummis nicht mehr zu haben sein werden. Diese müssen ebenfalls extra neu angefertigt werden. Detailliebe ist beim Nachbau Pflicht. Klar, dass der Hinweis "Wer ohne gültigen Fahrschein angetroffen wird, hat ein erhöhtes Fahrgeld von 5 DM zu bezahlen" mitsamt dem alten Liniennetzplan wieder exakt so zu lesen sein wird. Keine Kompromisse wird es auch bei der Farbigkeit geben: In leuchtendem „Verkehrsgrün“ wird der dann restaurierte Omnibus erstrahlen, so wie er seinerzeit durch Bamberg tourte.

Für Wessely, im Hauptberuf Verkehrsmeister in der Leitstelle der Stadtwerke Bamberg, sind Oldtimer eine Leidenschaft. Mit 30 Jahren hat er sich den ersten zugelegt.  Die Idee, einen kompletten Omnibus aus seinem Dornröschenschlaf zu befreien, entstand vor etwa sieben Jahren. „Da befand sich der Bus noch auf dem Gelände des alten Straßenbauamts in der Robert-Bosch-Straße“. Zehn Jahre, von 2009 bis 2019, stand er da und rostete vor sich hin.

Nachforschungen ergaben, dass der Omnibus zeitweise Ausstellungsstück im Österreichischen Omnibus Museum Ternitz war, die großen Schäden an der Frontmaske sind vermutlich durch eine Kranverladung entstanden. 2009 kauft ein Bamberger den Omnibus, per Tieflader gelangt er in die Robert-Bosch-Straße.

Das Oldtimer-Projekt der speziellen Art lässt Wessely jedenfalls nicht los. Zusammen mit Volkmar Bauer, Oliver Ulbrich, Stefan Hofmann, Jens Eske, Peter Schneiderbanger, Norbert Dan und Wolfgang Stütz gründet er den Verein „Historischer Stadtverkehr Bamberg e.V.“, Wessely übernimmt den Vorsitz. Am 13. November 2019 gelingt der Erwerb durch den Verein, noch am gleichen Tag wird der Omnibus auf den Betriebshof der Stadtwerke in der Georgenstraße überführt.

Sechs Tage später schlagen die Herzen der Vereinsmitglieder höher, als der Magirus Deutz Saturn II vernehmbare Lebenszeichen von sich gibt: Der Motor startet ohne Probleme, fast so, als wolle der Omnibus wieder seine Linie in Bamberg aufnehmen. Entkernung, Entrostung, erster Kauf diverser Ersatzteile – die von manchen belächelte Idee nimmt erste Formen an, auch dank der Unterstützung einiger Sponsoren und der tatkräftigen Hilfe der Stadtwerke Bamberg.

Mit dem Erreichten ist der Vorsitzende sehr zufrieden, auch wenn noch so manches Puzzleteil fehlt. Wie schön es doch ist, wenn Träume wahr werden. Wessely kann sich sogar vorstellen, dass das Fernziel, den Omnibus während der Mobilitätswoche im September auf dem Maxplatz ein erstes Mal zu präsentieren, eingehalten werden kann. Und dann? Im Linienverkehr wird der Magirus Deutz Saturn II sicher nicht mehr eingesetzt werden. Aber die Beförderung von Schulklassen oder Hochzeitsgesellschaften in sachter Fahrweise, das kann sich Wessely gut vorstellen.   

Weitere Informationen unter www.historischer-stadtverkehr.de.

Mann mit Schild "125 Jahre ÖPNV Bamberg" vor historischer Straßenbahn im Straßenbahndepot St. Peter in Nürnberg

Harald Wessely

1. Vorsitzender des Vereins "Historischer Stadtverkehr Bamberg e. V."

Bei den Stadtwerken ist Harald Wessely im Verkehrsbetrieb schon lange unabkömmlich. In seiner Freizeit tüftelt der Oldtimer-Liebhaber mit einigen Omnibusfreunden an dem Magirus Deutz Saturn II, um den historischen Omnibus wieder fahrtüchtig zu machen und in altem Glanz erstarhlen zu lassen.

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Gerhard Beck

Geboren in Mittelfranken hat es den Journalisten bereits in jungen Jahren des Berufs und der Liebe wegen nach Bamberg verschlagen. Seine Begeisterung für die Stadt und ihre Geschichte hat er kurzerhand zum Hobby gemacht und steckt damit bei Führungen durchs Welterbe regelmäßig seine Gäste an. Für die Stadtwerke Bamberg hat er sich in ein sprichwörtlich bewegendes Kapitel der Geschichte gewühlt und hat Wissenswertes und Kurioses zum öffentlichen Nahverkehr hervorgegraben. Das teilt er im Jubiläumsjahr hier im Stadtwerke-Blog sowie bei Führungen durchs Busdepot.