Seniorin lässt sich die Haltestelle am ZOB vorlesen

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Sind Sie denn taub? Fahrgäste mit Behinderung im öffentlichen Nahverkehr

Im Alltag begegnen Rollstuhlfahrende, Blinde und Personen mit eingeschränktem Hören immer wieder Hürden, die man als nicht betroffene Person gar nicht wahrnimmt. Im öffentlichen Nahverkehr existieren diese bereits vor Einstieg in den Bus. Da kann das Finden der Haltestelle schon zum Problem werden. Auf andere angewiesen zu sein ist immer schwer, eine freundliche Reaktion des Gegenübers macht jedoch einen großen Unterschied. Im Rahmen der Berufskraftfahrerweiterbildung haben unsere Busfahrerinnen und Busfahrer deshalb einmal die Perspektive gewechselt und erfahren, wie es ist, als Fahrgast mit Behinderung Bus zu fahren.

Barrierefreiheit im ÖPNV – Wie geht man mit Fahrgästen mit Behinderung um?

Sieben Uhr früh an einem Samstagmorgen in der Cafeteria der Stadtwerke-Zentrale am Margaretendamm. Im Rahmen der Berufskraftfahrerweiterbildung, die für die Fahrerinnen und Fahrer im Fünf-Jahres-Turnus ansteht und aus fünf thematisch wechselnden Modulen besteht, haben sich rund 20 Busfahrerinnen und Busfahrer zusammengefunden, um über ein Thema zu sprechen, das so direkt selten besprochen wird: Behinderung. Im vergangenen Jahr durchliefen alle städtischen Busfahrerinnen und Busfahrer die Schulung mit dem Titel „Barrierefreier ÖPNV – Umgang mit Fahrgästen mit Behinderung“.

In Kooperation mit der Behindertenbeauftragten der Stadt Bamberg, Nicole Orf, die als Rednerin selbst zu Gast bei den Stadtwerken ist, wurden drei weitere Gäste eingeladen: Rudi Zahn, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft chronisch-kranker und behinderter Menschen und stellvertretender im Beirat für Menschen mit Behinderung der Stadt Bamberg zum Thema Mobilitätshilfen, Elisabeth Seemüller, Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) Bamberg, zum Thema Sehbehinderung und Margit Gamberoni, Leiterin und Gründerin der Selbsthilfegruppe OhrRing zum Thema Schwerhörigkeit.

Sehender Mann mit Augenbinde und Pendelstock versucht in einen Bus einzusteigen

Ein voller Arbeitstag ist dem Thema Behinderung gewidmet, im ersten Teil sprechen die Betroffenen zunächst offen über ihre Behinderung und ihre Erfahrungen im ÖPNV, im zweiten Teil wird es dann praktisch: Wie es ist, sich als blinde Person mit Pendelstock an einer Bushaltestelle zurechtzufinden und in den Bus einzusteigen oder wie man sich im Rollstuhl fühlt, erlebt das Busfahrpersonal an der eigenen Haut. Mit dem Unterschied, dass es für sie nur ein Experiment ist, für die Menschen, die auf diese Hilfsmittel angewiesen sind, harte Realität.

Heiko Wirth, der bei den Stadtwerken als Ausbilder im Verkehrsbetrieb tätig ist, betont, wie wichtig es ist, die Busfahrerinnen und Busfahrer auf das Thema zu sensibilisieren. Bei den meisten Betroffenen treten körperliche oder geistige Einschränkungen erst im Verlauf des Lebens auf. Jeder kann selbst einmal davon betroffen sein. Wirth ist davon überzeugt, dass das Bewusstsein darüber sich positiv auf den Umgang mit Behinderung im Arbeitsalltag auswirkt. Nicht jeder kommt im Freundes- oder Familienkreis mit der Thematik in Berührung und setzt sich damit auseinander. Gerade unter Zeitdruck können ein fehlendes Bewusstsein, Hemmungen oder eine fehlerhafte Kommunikation vonseiten der Busfahrerinnen und Busfahrer zu Problemen führen, die vermieden werden können. Die Schulung soll das ändern.

Für Menschen mit Behinderung ist der öffentliche Nahverkehr oftmals die einzige Möglichkeit, am Leben teilzuhaben

Das zu erkennen, sei der erste Schritt. Der zweite sei es, zu sehen, wie facettenreich das Thema ist: Nicht jede Barriere ist offensichtlich und nicht jede Behinderung von außen sofort zu sehen. Für ältere Menschen mit Knieproblemen ist das Aussteigen aus dem Bus nicht gerade einfach und das Absenken der Ausstiegskante ist da eine enorme Hilfe.

Kurz vorm Umkippen – wenn bereits der Einstieg in den Bus zur Belastungsprobe wird

Rudi Zahn und zwei seiner Bekannten, die ebenfalls im Rollstuhl sitzen - einer davon ist auf einen elektrischen Rollstuhl angewiesen - sind nicht zum ersten Mal bei einer solchen Schulung dabei. Bereits 2015 gab es diese Weiterbildungsmaßnahme. Seitdem ist viel passiert, neue Busfahrer/innen sind dazugekommen. Es war an der Zeit, erneut auf das Thema aufmerksam zu machen. Auch weil er einen der neuen E-Busse testen und begutachten möchte.

Zu Demonstrationszwecken hat Rudi, wie er von allen genannt wird, eine voll beladene Einkaufstasche dabei, die er an die Halterung seines Rollstuhls hängt. Als er damit versucht, alleine die Rampe des E-Busses hinaufzufahren, gerät er ins Kippen. Aus Sicherheitsgründen steht jemand dicht bei ihm, der ihn dann auch auffängt. Es wird deutlich, dass selbst ein erfahrener Rollstuhlfahrer in solch einer Situation auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen ist.

Wie viel physische Kraft nötig ist, einen Rollstuhl diese kleine Rampe hochzufahren, erleben dann auch die Busfahrer/innen. So werden im Gespräch Legenden, wie dass es ausreichend sei, den Bus abzusenken und die Klappe herunterzuheben, aus dem Weg geräumt. Es ist nicht nur gesetzlich vorgeschrieben, Hilfestellung zu leisten, es ist unbedingt notwendig.

Was kann ich als Fahrgast tun?

Heiko Wirth warnt davor, dass Fahrgäste selbst zur Klappe greifen und „helfen“. Aus Versicherungsgründen darf dies nur das Buspersonal. Doch was man jederzeit kann: seine Hilfe anbieten – nicht nur Menschen, die im Rollstuhl sitzen. Auch älteren oder anderweitig hilfsbedürftigen Personen den eigenen Sitzplatz anzubieten, ist nie verkehrt.

Nicht nur der Abstand zur Bordsteinkante oder die Rampe stellen Herausforderungen dar, auch die Fahrweise stellen die Passagiere gerade bei kurvenreichen Strecken auf die Probe. Bei einem elektrischen Rollstuhl sind es bis zu 300 kg, die stabil an Ort und Stelle stehen bleiben müssen. Da reichen die Bremsen des Rollstuhls allein nicht aus, eine angepasste, vorausschauende Fahrweise ist da entscheidend.

Ich sehe nicht, was Du siehst – Busfahren als blinde Person

Elisabeth Seemüller und ihr Blindenhund, der Labrador Ofza, betreten heute zum ersten Mal einen der neuen E-Busse. Die Bambergerin, die hier geboren und aufgewachsen ist, ist dankbar für ihre Begleiterin, ohne sie könnte sie sich den Alltag nicht mehr vorstellen. Frau Seemüller ist blind und zwar vollständig. Seit ihrem 19. Lebensjahr ist sie sehbehindert, mit 44 wurde sie blind. In Bamberg ist sie deshalb häufiger mit dem Bus unterwegs, die Strecken und Haltestellen, die sie im Alltag braucht, sind ihr mittlerweile sehr vertraut. Mittlerweile erkennt sie anhand der Kurven und Anpassung der Fahrweise, wo sich der Bus auf der Strecke befindet und wann ihre Haltestelle naht. Für ihre Sicherheit sind die Ansagen im Bus dennoch elementar. Auch das Geräusch der öffnenden Türen dient ihr zur Orientierung.

Auf dem Weg zum Bus helfen ihr die Leitlinien am Boden und das Abzählen ihrer Schritte. Am ZOB gibt es als zusätzliche Hilfe an jeder Haltestelle Signalknöpfe, die beim Drücken die Strecke ansagen. Das wünscht sie sich an jeder Haltestelle. Zur Sicherheit fragt sie beim Einsteigen in den Bus dennoch immer nach, in welchem Bus sie sich befindet. Die Vorstellung, nicht zu wissen, wo genau man sich befindet, ist beängstigend, in fremden Städten ist sie deshalb nicht allein unterwegs.

Im Bus angekommen sitzt sie immer ganz vorn. Das hat für sie mehrere Gründe: Zum einen wird ihr so das Ein- und Aussteigen erleichtert, denn sie kann sich nie sicher sein, wie weit der Bus von der Bordsteinkante entfernt steht. Zum anderen muss sie nicht mit Pendelstock und Hund durch den schmalen Gang, wo Stuhlbeine, Sitzhalterungen, Haltestangen und Schultaschen den Weg erschweren und der Geruch von mitgebrachtem Essen ihren Hund ablenkt und vom Ziel abbringt. Aber vor allem ist ihr der Platz ganz vorne im Bus vertraut. Sie muss sich nicht zum Platz führen lassen, was schwerer ist, als es klingt.

In der Schulung demonstriert sie dem Publikum wie es geht. Der Busfahrer geht voraus, eine Hand der blinden Person ist dabei an den angebotenen Ellbogen gelegt. Wichtig dabei sei, ein normales Schritttempo zu halten und rechtzeitig vor Stufen und anderen Hindernissen zu warnen. Indem man die Hand der blinden Person nimmt und auf die Sitzfläche legt, zeigt man ihr, wo sich die Sitzfläche befindet.

Als sie am Ende des Tages in einen der neuen E-Bus einsteigt, sehe ich als nicht-blinde Person den Bus zum ersten Mal durch ihre Augen. Mit den Händen tastet sie die Haltestange und schließlich die Sitzfläche ab, stellt fest, dass diese etwas anders ist, als sie es in den Dieselfahrzeugen gewohnt ist. Es sind Kleinigkeiten, wie die Veränderung der Sitzhöhe, die einen großen Unterschied machen.

Schreien bringt ihr Gehör auch nicht wieder – Schwerhörigkeit im ÖPNV

Margit Gamberonis Gehör ließ erst mit etwa 50 Jahren nach. Nach und nach erlitt sie schwere Hörstürze. Damals stand sie voll im Berufsleben, die Ärzte konnten ihr bei der Bewältigung ihres Alltags nicht helfen und aus Scham verschwieg sie ihre Behinderung eine ganze Zeit lang. Heute spricht sie ganz offen darüber. Weil es in Bamberg keine Selbsthilfegruppe gab, gründete sie kurzerhand selbst eine.

Zwar gibt es in jedem Bus elektronische Anzeigetafeln, wenn diese jedoch aus technischen Gründen einmal ausfallen, ist sie bei nicht bekannten Strecken wie jeder andere auf die Auskunft Fremder angewiesen. Denn die Kinderstimmen in den Bamberger Bussen mögen zwar putzig klingen und mal etwas anderes sein, verständlich sind sie teilweise leider nicht besonders.

Viele würden beim Sprechen mit ihr intuitiv den Fehler machen, besonders langsam oder übermäßig laut zu sprechen. Das Resultat ist dann, dass sie die Personen noch schlechter versteht. Wenn Personen auf Nachfragen dann auch noch gereizt reagieren und kein Verständnis zeigen, erschwert das die Situation ungemein. Genau wie beim Führen einer blinden Person sei auch eine normale Lautstärke und Sprechweise für Personen mit eingeschränktem Hören das Beste. Wichtig sei auch, dass man sein Gegenüber beim Sprechen anschaue.

Wir sind hörbehindert, aber nicht geistig behindert.

Margit Gamberoni spricht über Schwerhörigkeit im ÖPNV

Eine Hörprobe demonstriert wie sich die Welt für Margit Gamberoni anhört. Erst hört man einen Satz in „normal“, dann hört man denselben Satz, nur sind es diesmal undeutliche Fetzen, die aus einem verwaschenen Nichts durchdringen. Besonders bei Gruppengesprächen, wenn viele Leute durcheinanderreden oder im Fall eines Busses, wenn viele Menschen im Hintergrund reden, ist es besonders schwer, eine Person zu verstehen. Gerade bei Gruppengesprächen sei es da einfacher, manchmal abzuschalten und sich aus Diskussionen zu enthalten.

Die Hörgerätetechnik ist zwar weit gekommen, ganz ersetzen und wiederherstellen kann die Technik ihr Gehör allerdings nicht. Mittlerweile trägt sie ein Chochlea-Implantat, das ihr hilft, Geräusche zu differenzieren und Umgebungsgeräusche besser wahrzunehmen. Bezüglich der Möglichkeiten für „ältere Personen“ fehlt es ihr auch an Aufklärung und Verständnis vonseiten der Ärzte.

Tagesfazit und warum wir mehr aufeinander Acht geben sollten

Das Fazit der Busfahrerinnen und Busfahrer zum Tag ist durchweg positiv. Herbert Nitschke ist seit drei Jahren Busfahrer bei den Stadtwerken. Etliches von dem, was er in der Schulung zum Umgang mit Behinderung im öffentlichen Personennahverkehr gehört und erlebt hätte, könne er nun im Alltag anwenden. Dort entstehen immer wieder vor allem mit den Rollatoren älterer Menschen und Rollstuhlfahrerinnen und -Fahrern Situationen, wo er sich gefragt hat, wie er den Fahrgast am besten in den Bus bekommt. Solche Situationen sieht er nun aus einem neuen Blickwinkel. Denn er kann die Hürden, die für Personen mit Behinderung beim Busfahren bestehen, besser verstehen und einschätzen.

Porträt Herbert Nischke Busfahrer
Porträt Herbert Nischke Busfahrer

Nur durch Üben und immer wieder Hören kann man Sicherheit bei unbekannten Themen gewinnen.

Für Busfahrerinnen und Busfahrer ist die Hilfestellung behinderter Personen zwar Vorschrift, viel schöner ist es jedoch zu helfen, weil man helfen möchte. Und nicht nur auf Menschen mit Behinderung trifft es zu, dass man seine Hemmungen ablegen und seine Hilfe anbieten sollte. Auch Familien mit Kinderwagen oder Reisende mit schweren Koffern sind um jede Hilfe dankbar. Wichtig ist nur, nicht ungefragt zu helfen. Keiner möchte, dass seine Einkaufstasche einfach wo anders hingestellt wird und keiner möchte ungefragt angefasst werden, auch wenn die Knie beim Aussteigen aus dem Bus schmerzen.

Porträt Melina Ritter

Melina Ritter

Werkstudentin bei den Stadtwerken

Als Teil des Redaktionsteams ist die Masterstudentin der Kommunikationswissenschaft bei den Stadtwerken im Online-Bereich tätig. Die Schwäbin fühlt sich in ihrer Wahlheimat Bamberg ebenso wohl wie hinter der Tastatur oder Kamera, wenn sie für ihren YouTube-Kanal zum Thema Hamsterhaltung Videos produziert.